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Geschrieben von R.C.   
Tuesday, 15. August 2006

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Eran gewidmet

Vorgestern, am Samstag, als die Sonne langsam versinkt, gehe ich vor die Tür. Das Licht ist schön und die Luft ist nicht mehr heiß, und weil bis Hawdalah noch eine Stunde Zeit ist, will ich mich etwas an der Elbe ergehen, Dampfer gucken.

Leider muss ich aber wieder durch diese Straße. Eben durch diese mit dem Nazi-Klamottenladen auf der rechten Seite. Meine Straße halt. Zum Einkaufen muss ich auch hier durch, jedesmal ist es mulmig, weil sich die Nazis aus dem Laden seit dem letzten Frühling mein Gesicht gemerkt haben - sie brauchten wohl mal einen konkreten Feind, und so fanden sie mich, denn ich hatte ein einziges Mal nicht aufgepasst und bin mit Jarmulke auf dem Kopf dort entlang getigert, in Gedanken und auf dem Weg zu einer Bar Mitzwa. Der Anblick und die Anwesenheit des Feindes war ein gefundenes Fressen für die Nazis aus dem Laden.

Seitdem gehe ich auf der anderen Straßenseite und blicke dabei strikt geradeaus, hoffend, dass durch Vermeidung und mich Blindstellen die Bedrohung sich langsam auflösen werde oder so - aber Pustekuchen.

Wie erwähnt, ich gehe also am Samstag um neun Uhr Abends durch diese meine Straße, und weil das dem Laden gegenüberliegende Trottoir dummerweise heute abgesperrt ist, gehe ich halt trotzdem weiter, bleibe aber ganz am Rand der Fahrbahn. Nanu? Rechts aus dem Schaufenster des besagten feindlichen Ladens glitzert und gleißt es ganz grünlich und pathetisch, und als ich im Vorbeigehen mal einen Blick riskiere - prangt da eine riesige irisierende iranische Flagge, davor irgendwelche Gadgets, die aussehen wollen wie Mausergewehre, was weiß ich, daneben irgendwas mit martialischer Schrift, oben drüber eine hölzerne Planke mit der Aufschrift "Odin und Freya" in einer fiesen Runenschrift-Type. Bestimmend im Schaufenster ruhmredet diese Flagge des eliminatorischen Antisemitenpräsidenten aus Teheran, und die beherrscht die ganze Straße.

Dass es sowas in meinem Land, meiner Stadt, meinem Stadtteil (der als notorisch nett und hedonistisch verschrien ist), ja in meiner Straße überhaupt gibt und geben kann...

Ich bleibe aber nicht stehen. Jedoch da stürzt schon der Ladenbesitzer aus der Tür raus und brüllt zu mir rüber "na du Antideutscher!!"

Ich überlege im Gehen, was hat er denn und was meint er, denkt der an diese linke Denomination 'Bahamas', die sich selber als antideutsch bezeichnet?, aber das passt nun weder zur Situation noch zu diesem Typen, denke ich. Und dann schreit er schon wieder zu mir rüber, und zwar: "Hau ab, du dummes Judenschwein!!"

Zwischen ihm und mir (sofern man ontologisch von einem Ihm-und-Mir sprechen könnte) liegen immer noch gut 15 Meter, aber ich sehe den Hass viel zu gut, und also folge ich besser dem Vorschlag und haue ab, erst pseudogehend, dann hinter der Ecke zur Reeperbahn etwas wankender, erreiche nach 50 Metern die Davidwache und erstatte dorten Strafanzeige.

Da hocke ich also auf dem Stuhl, auf dem man da hockt, kämpfe mich durch die Protokollaufnahme-Zeremonie und kriege plötzlich diese Blitzmigräne. Pech. Polizisten kommen mit umgeschnalltem Gürtel und fragen mich ungläubig, was der Typ nochmal so gesagt hat, und ich sage ihnen nochmal, was der Typ so gesagt hat und spüre meine Blitzmigräne blitzen. Die Polizisten drücken sich ihre Mützen in die Stirn und gehen los, ich kämpfe mich weiter durch die Protokollaufnahme-Zeremonie, durch meine Blitzmigräne und durchs Unverständnis, denn was das Ganze eigentlich soll?, keine Ahnung.

Mein öhhmm knallendes Hilfsmittel gegen Nazis und Säbelzahntiger liegt freilich friedlich zu Hause in meiner Küche, aber auf dem Weg lauert ja die deutsche Vergangenheit in Inkarnation und in Gegenwartsform, und also gehe ich einen großen großen Bogen bis Altona, setze mich an Klopstocks Grab und sinniere über Leben, Spaß und modernbraunes Gesocks. 

Hawdalah ohne Kerze, nun ja, und als Besomim muss der Friedhofsgeruch dienen, und natürlich fehlt hier Wein, und nichtmal ein Sidderle ist aufzutreiben, denn hier fehlt alles, nur wieder keine Blitzmigräne, und Klopstock wusste wohl auch nichts. 

Robert C

Letzte Aktualisierung ( Thursday, 26. July 2007 )
 
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