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Yael gewidmet
1. August 2006. Es ist schwül und schwitzig und bleiern und hört nicht auf, und der Maschiach kommt nicht. Ich schlafe eigentlich nicht, sondern hocke Nachts und am Tag und dazwischen vor dem Bildschirm und schreibe im Internet, denn der Hass ergießt sich wie aus Eimern und Bottichen überall hin, und die werden immer größer, und es hört nicht auf. Ich schreibe dagegen an, schreibe immer mehr, wegen der Wannen voller Hass, und ich finde nicht mehr raus. Die israelische Armee wehrt sich eben wieder, es geht ja nicht anders, Nasrallah schreit von Juden und ins Meer und will Juden umbringen, im Meer oder egal wo und wie. Raketen zischen auf Juden und andere, Libanesen sind auf der Flucht, die Öffentlichkeit kübelt gegen Israel und es hört nicht auf.
Die israelische Armee überlegt, all diese Abschussrampen von den Dächern der Wohnhäuser zu bomben, mit denen Juden umgebracht werden sollen, aber es wird gar nicht gebombt, es wird bloß überlegt, wenngleich die Öffentlichkeit über israelisches Gebombe herumkübelt und nicht damit aufhört. Die israelische Armee schießt aber nur ein bisschen und erwischt ziemlich wenige derer, die Juden umbringen wollen, und während Nasrallah und Ahmadinejad von Juden und Meer und Umbringen und vom internationalen Finanzjudentum und Atombomben und vom Umbringen schreien und nicht aufhören und während Nasrallah Raketen auf Juden schießen lässt, finde ich nicht mehr raus und schreibe dagegen an und finde nicht mehr raus und es hört nicht auf, und es ist nicht Nacht oder Tag, sondern dazwischen im Internet. Dann bombt die israelische Armee doch noch, ein Flugzeug war's, und Stunden später kracht ein großes libanesisches Wohnhaus bei Kana zusammen und man zeigt gleich am nächsten Morgen tote Kinder. Warum die da drin waren, weiß keiner. Der Maschiach ist weit, weit weg. Und weil das wohl irgendwie so sein muss, Raketen zu schießen und Juden umzubringen und tote Kinder aus dem Keller eines Hisbollah-Wohnhauses mit Raketenrampe oben drauf, wütet eben der Libanon-Krieg und hört nicht auf, und keiner findet mehr raus. Und im Internet zischt der Krieg der Kübelgießer, die immer mehr werden und immer schneller und immer ekelhafter und immer dreckiger zischend ihre Kübel ausgießen, und was soll ich machen, bin ja kein Militär, ich bin ein kleiner Autor aus St. Pauli mit verschwitztem T-Shirt und Fünftagebart, und das Einzige, das ich einigermaßen hinkriege, ist meine Tastatur gegen die Hasskübel zuschanden zu schreiben. Tag und Nacht und mehr noch dazwischen, und ich finde nicht mehr raus, und es hört nicht auf. Zumal dort im Internet nur deutsche Hasskübler herumzischen, es sind nicht einmal die ganz echten Hisbollah-Kübel von da unten, nein, es sind nur ganz echt deutsche Kübelausschütter von hier oben, Nachbargastwirte, Hundeführerinnen, Elbschleppersmutjen, Hilfspfarrerinnen, Staubsauger-Erfinder, Lackritzrollerinnen, Ministerialdirektoren, genau diese und noch ganz andere, was weiß ich, die zischen da und hören nicht auf. Sehr viele von denen und dazwischen, und es werden immer andere und mehr. Dass es so viele ganz normale Hasser und so viele Kübel und daraus soviel dreckige Schwälle und so viel Gezisch überhaupt geben könnte, hatte ich ja nicht geahnt. Während es nicht aufhört.
2. August 2006. Es ist halbdunkel, vielleicht halbe Nacht oder bald Morgen, jedenfalls ist es August 2006, das weiß ich, als ich um die Ecke in meine Einfahrt biege, eine volle Einkaufstüte in der Hand, mit irgendwas drin, denn ganz ohne eingekauft zu haben kann ich nicht im Internet gegen die deutschen Kübler anzischen, auf die Dauer wird man zu schwach dabei ohne eingekauft zu haben, und das geht nicht. Merkwürdig ist es auf der Straße, schwül und schwitzig und es ist so viel Platz, merkwürdig, denn die Welt passt eigentlich bloß auf einen Bildschirm, scheint mir, denn dort lässt sie sich beeinflussen. Aber nicht auf der Straße, denn hier ist so viel Raum und so viel harte Mauern überall und so fester Boden, auf den man drauftritt, ganz merkwürdig, hat alles nichts mit mir zu tun. Ich habe woanders zu tun, vor dem Bildschirm, dort, wo es nicht aufhört. Nasrallahs dickes Gesicht ist hier auf der Straße oder an der Ecke zu meiner Einfahrt auch nirgends, da sind nur merkwürdige Schlenderer und schlacksige Herumsitzer wie aus einem alten Film, aber nirgendwo sind dicke Gesichter mit Fernseherbrillen und schwarzen Schiiten-Turbanen, und ich sehe in die Fenster, ob da irgendwo Nasrallahs dickes Gesicht ist oder seine fetten Lippen, die ohne aufzuhören vom Juden Umbringen reden, als ich um die Ecke in meine Einfahrt biege, die volle Einkaufstüte in der Hand. Da steht jemand und sieht mich an, ein Schiit. Doch, er ist einer. Denn überhaupt nicht alle Schiiten sind wie Nasrallah, wirklich nicht, zumal der Schiit, der da steht und mich ansieht, wirklich überhaupt nicht wie Nasrallah ist, denn der würde hier wohl nicht stehen. Der Schiit, der da steht, ist übrigens der einzige Schiit, den ich kenne, das heißt, vielleicht kenne ich noch andere Schiiten, von denen ich vielleicht nicht weiß, dass es Schiiten sind, aber von diesem Schiiten, der dort an der Ecke zu meiner Einfahrt steht und mich ansieht, weiß ich, dass er Schiit ist. - Tag auch, Schiit, sage ich zu ihm und weiß nicht genau, ob ich nicht besser gute Nacht oder schönen Morgen sagen sollte. - Hi, Israeli, sagt der Schiit und klopft mir auf die Schulter. Ich stelle die volle Einkaufstüte in meiner Einfahrt ab, um dem Schiiten auch auf seine Schulter zu klopfen. So stehen wir dort in der Einfahrt, der Schiit und ich, und klopfen uns auf die Schultern. Vielleicht kommt der Maschiach auch noch dazu? - Wie du siehst denn heute aus, Israeli, sagt der Schiit und sieht mir ins Gesicht. - Ach es geht mir nicht so gut, es ist Krieg, und wie geht's dir so, Schiit?, sage ich und klopfe ihm nochmal auf die Schulter. - War bei Zahnarzt, sagt der Schiit, morgen muss wieder Zahnarzt, bis ist fertig. - Oh, sage ich, geht's denn einigermaßen beim Zahnarzt?, und ich sehe mir die linke Backe des Schiiten an, die dicker ist als sonst. - Ich muss Zahnarzt, viel Zahnarzt, sagt der Schiit, Zähn müssen eingepflanzen, macht Zahnarzt, weil ohne Zähn eingepflanzen ist nicht gut. - Stimmt, sage ich, und der Schiit zeigt mir seine Zähne. - Gut sehen die aus, sage ich zum Schiiten, gar nicht wie eingepflanzt, aber deine linke Backe ist doch noch ziemlich dick, und was war denn mit deinen Zähnen vorher?, frage ich den Schiiten. - Ach, Zähn ich hab verloren in Syrien, sagt der Schiit, als war Syrien in Libanon in Achtziger Jahr, da hab ich nicht mehr Zähn, weil Kommunisten in Syrien sie mir weg, sagt der Schiit und lächelt mich an. - Oh Gott, sage ich. - Ah, sagt der Schiit, das hat mir gemacht nix, weil heute ich hab neue Zähn, aber guck mal hier... und er dreht seinen Kopf, klappt den Hemdkragen runter und in seinem Nacken ist eine riesige runde Narbe. - Kommunisten in Syrien, sagt er, aber mich nicht gemacht tot, wollten gerne, aber nicht geschafft-, und wieder lächelt er mich an. - Inschallah, sage ich, besrat HaSchem, und jetzt hast du sogar neue Zähne. - Die Zähn sehr gut, sagt der Schiit, mehr gut als alte Zähn in Libanon, was ich gehabt. - Neuer sind sie auf jeden Fall, sage ich. - Ist wichtig haben Zähn, sagt der Schiit, und weißt du, dass ich hab Exilregierung? - Ja, weiß ich, nicht schlecht, sage ich zu ihm, erzähl mal, eine richtige Exilregierung? - Klar ich habe, sagt der Schiit, und wenn ich geh nach Libanon, ich werd Minister, ich bin gewesen Minister vor zwanzig Jahr, als Syrien weg aus Libanon, da ich war Minister, mit euch Israel. Und wenn ich wieder geh nach Libanon, weißt du, muss ich haben Zähn, weil Minister ohne Zähn geht nicht. - Ich klopfe dem Schiitenminister mit Zähnen auf die Schulter. - Du musst unbedingt Minister werden, Schiit, sage ich zu ihm, und Präsident Lahoud muss weg, der ist nur Präsident von Syriens Gnaden. - Lahoud schlechter Mann, sagt der Schiit, und Siniora auch schlecht, weil nix tut gegen Hisbollaah. - Was willst Du gegen die Hisbollah machen?, frage ich den Schiiten. - Ich Schiit, sagt er und lacht, ich weiß wie man redet mit Schiiten, ich habe Zähn und geh nach Libanon und red mit Schiiten, ich sag zu Schiiten USA nicht gut, Israel nicht gut, weil man muss sagen Schiiten, aber in Nacht ich geh zu General Schlomo was ich kenn vor zwanzig Jahr, israelische General, Schlomo Name, du kennst? - Schlomo, und mit Nachnamen?, frage ich. - Ah, heißt Schlomo, sagt der Schiit, ich mit Schlomo Freund, ich sage zu Schiiten, Israel und USA nicht gut und ich werd Minister, weil sagen schlecht an Tag und machen gut in Nacht, so ist Regierung, du weißt?, und dann ich mach Politik mit General Schlomo, wie ich hab gemacht vor zwanzig Jahr. - Du musst Inschallah bitte Minister werden, Schiit, sage ich zum Schiiten, und ich hoffe, baruch HaSchem, du kriegst das mit der Hisbollah hin, und gibt's denn den General Schlomo überhaupt noch? - Schlomo, ja, Schlomo gibt, sagt der Schiit und lacht, Schlomo großer General, ich letzte Woch Telefon mit ihm, und wenn ich Minister nicht in Exilregierung, nein wenn ich Minister in richtige Regierung, in richtige, dann Hisbollaah weg, zehn Jahr, zwanzig Jahr ich in Regierung, ich Schiiten sage was sie sollen machen, ich Schiiten sage, und dann Hisbollaah weg. So mache ich. - Du machst das, und dann bauen wir eine große schöne Autobahn von Tel Aviv nach Beirut mit Blumen rechts und links, sage ich zum Schiiten. Er klopft mir auf die Schulter. - Autobahn groß schön, wo du kannst fahren 200 wie Deutschland schnell und fahren hin und her, Beirut nach Tel Aviv, Tel Aviv nach Beirut, mit Blumen, sagt er und lacht. Ich klopfe dem Schiiten auf die Schulter, der Schiit klopft auf meine Schulter, und dann nehme ich die volle Einkaufstüte und der Schiit winkt mir um die Ecke. Plötzlich ist hier draußen gar nicht mehr so zuviel Raum und so zuviel fester Boden und zu harte Mauern wie zuvor, und sehr schwül ist es auch nicht mehr. Der Schiit wird bestimmt wieder Minister, möchte ich glauben, und dass der Maschiach kommt. Dass seine Geschichte stimmt, weiß ich, denn es gab einen Artikel in der Zeitung HaAretz über ihn. Darin stand aber so weit ich weiß nicht, dass er hier auf St. Pauli lange Zeit einen netten Keller-Klamottenladen in einer komplett schwulen Straße betrieben hat, nachdem er Minister war und bevor er Minister sein wird, und dass er jetzt ein völlig sanktpaulianischer Schiit ist. Und dass er mich für einen Israeli hält, liegt an meinem T-Shirt mit ISRAEL-Schriftzug, das ich in letzter Zeit dauernd anhabe und das deshalb so verschwitzt ist. Und der Maschiach kommt auch nicht. Dabei liegen die Papiere seit Monaten herum, ich müsste sie nur ausfüllen und abschicken, um Israeli nicht nur wegen des T-Shirts zu werden. Vor lauter Krieg im Internet komme ich nicht dazu. Als ich zur Haustür hineingehe, wette ich mit dem Türknauf, dass der Schiit schneller wieder ein Minister sein wird, als ich ein Israeli. 3. August 2006. Es ist schwül, schwitzig, der Krieg im Libanon wütet und hört nicht auf, Nasrallah redet mit seinen dicken Lippen jeden Tag vom Juden Umbringen, und der Maschiach kommt nicht. Der schiitische Nachbar ist noch nicht Minister, sondern mein Freund Goren bekommt in einem kleinen Ort bei Haifa jeden Tag Nasrallahs Raketen fast auf den Kopf. Und übers Internet schickt mir einer Mails und will meinen Tod. Verrecke, du Judennazi, so mailt er mir. Und ich bin immer noch kein Israeli, aber die Papiere liegen da, und verreckt bin ich noch lange nicht, aber vorher fülle ich noch die Papiere aus und schicke sie ab, wieso nicht. Das denke ich, um mich kurz abzulenken. Die volle Einkaufstüte ist leer, sie ist schon seit längerer Zeit leer, und weil ich ohne eingekauft zu haben wieder langsam irgendwie zu schwach werde, merkwürdig, gehe ich vorsichtig zur Haustür raus und merke, es ist gar nicht schwül und schwitzig, es ist kühl, merkwürdig. Also kehre ich um und hole meine Seemannsjacke. Gehe wieder zur Haustür raus, vorsichtig, denn in den Mails stand in aller Deutlichkeit, dass mich einer verrecken sehen will, und sowas klingt nicht besonders vertrauenerweckend. Niemand ist da. Es ist dunkel auf der Straße und die Geschäfte sind geschlossen. Ah so, es herrscht gerade Nacht. Das macht nichts, denn fünfzig Meter weiter an der Ecke zur Reeperbahn ist ein guter Falafel-Laden, wo man gute Falafel zu essen bekommt. Dort gehe ich hin. Dort hinten sehe ich Leute und an der Ecke tumultet es, nein keine Bedrohung, denn eine käsige Stimme ruft immer wieder "Amandaaa, Amandaaa!", und es hallt von den Fassaden. Offensichtlich nichts Schlimmes. Als ich näherkomme, stöckeln da ein paar Transen ganz aufgelöst übers Trottoir, und Amanda hat sich gerade mit zwei besonders großen Transen angelegt, sie tänzelt um die beiden herum, schimpft lästerlich auf sie ein und hört gar nicht auf, dann kreischt sie "where you from, huh?!!", und eine der riesigen Transen dröhnt zurück: "From Israel!!" Sofort herrscht tiefe Ruhe, Amanda erstarrt zum Bild, die Enormtransen schieben gemächlich weiter, die Straße ist befriedet und wie immer. Ich lehne am Falafel-Laden und denke über die Mails nach, die ich bekomme. Warum soll ich verrecken, wieso wünscht mir das einer, und was ist überhaupt ein Judennazi? Das Wort schreibt sich mit zwei N, merkwürdig. So wie Zigeunerrostbraten mit zwei R, nein mit drei. Drinnen im Falafel-Laden erschafft mir der albanisch-Mann ein Wunder von einem Falafel-Sandwich. Er schaufelt Salat, Kohl, Tomaten und heiße Falafel ins Brot und ich sage ihm, mehr Zwiebeln, wenn's geht, und er schaufelt mehr Zwiebeln ins Brot, weil's geht. Ich lehne am Falafel-Laden, denke an die Zwiebeln und an die Mails und ans Verrecken und sehe mir die Leute an, die so über die Reeperbahn flanieren, denn ich mag Flaneure mehr als solche Mails und sogar etwas mehr noch als Zwiebeln. Aber die Flaneure mögen mich nicht. Einer guckt so komisch, und noch einer, so aus dem Augenwinkel, und einer guckt noch komischer und knurrt "na toll". Nanu, denke ich, das ist ja hier wie im Internet, dabei sind die Flaneure nicht mal Hisbollah? Dann kriege ich mein Falafel-Sandwich von einer ganz versteinerten albanisch-Mann-Miene herausgereicht, wie überaus merkwürdig, denn der albanisch-Mann ist sonst überhaupt gar nicht versteinert, nicht im Mindesten, und so langsam komme ich ins Grübeln. Was stimmt denn nicht mir mir? Auf einmal fällt es mir siedendheiß ein, ach je, meine Seemannsjacke steht offen, und auf dem T-Shirt prangt "ISRAEL". Es ist das verschwitzte T-Shirt, was denn sonst. Welch für eine ursprüngliche Modetorheit, ja welch eine momentane Verwahrlosung dazu, und welch flagrante Verletzung des aktuellen durchschnittsdeutschen Dresscodes obendrein. Zumal der Maschiach nicht kommt. Denn in durchschnittsdeutschen Politikerreden, in durchschnittsdeutschen Medien und im durchschnittsdeutschen Teil des Internets herrschen diese bestimmten Stichworte, immer die selben, sie sind de rigueur und sie hören nicht auf. Demnach ist Israel gleichbedeutend mit unverhältnismäßig oder mit aggressiv oder mit destabilisierend, und gemeint ist, dass Israel unverhältnismäßig reagiert, indem sich die Armee dagegen wehrt, dass Nasrallah und Ahmadinejad mit Raketen pausenlos Juden umbringen wollen, die dann etwa in Gorens kleinen Ort bei Haifa reinsausen (865 Raketen, um genau zu sein, mit kleinen Stahlkugeln in der Sprengladung), und aggressiv ist Israel ja ohnehin, das ist de rigueur, so steht es in der FAZ, selbst wenn die Armee stillhält und eben keine Hisbollah-Wohnhäuser bombt, und auch nach dem Abzug aus Gaza im vorigen Jahr war Israel natürlich weiter destabilisierend, so wie der Zionismus, na was denn sonst. Auch Infrastruktur ist so ein Stichwort, Israel zerstört Infrastruktur, und das klingt in durchschnittsdeutschen Medien besonders mies nach de rigueur, das mit der Infrastruktur, denn es ist mies, dass die israelische Armee die zerstört, sonst nichts. Zionismus, na was denn sonst. Die Flaneure gucken sehr komisch, und einer zischt. Problem erkannt, Jacke zugemacht, Problem gebannt. Unter der Seemannsjacke klebt es verflixt verschwitzt. Ich gehe mit dem Wunder von einem Falafel-Sandwich zwei Meter weiter, und da baut sich ein Goliath von Rausschmeißer im weißen Anzug vor mir auf, zwei Meter groß, zwei Meter breit, aber keine Bedrohung, weil ich ja ein Seemann bin, er zeigt mit der Pranke auf seinen Nepp-Laden und brüllt mir ins Gesicht, "hier rinn, du Kap'tejn!, da kannssu das Rruder rrumrraissen!!" Ich antworte mundartelnd, um mich einzuschleimen, "nej nej, heudde nich'." Da lässt er mich ziehen und weiß nicht, dass ich ein Zionist bin. Die Jacke ist zu und bleibt zu. Denn ein quasi-Seemann zu sein ist hier de rigueur, zumal fast jeder hier ein irgendwie-Seemensch ist oder sich wie einer fühlt, selbst wenn er nur mal von Freddy Quinn hat reden hören, der sich auch so fühlte, und der war wohl kein Zionist und fühlte sich auch nicht so. Aber ein grade-mal-Zionist wie ich wird unter obwaltenden Umständen, Auslegungen und Denkungsarten so ziemlich überhaupt nicht sehr gerne als solcher gesehen, und warum das so ist, wird einem jedoch nicht erklärt, denn die Leute fühlen das so in sich innen drin, dass das de rigueur ist, und so ist das eben. 4. August 2006. Es ist wieder schwül und schwitzig. Drinnen wütet der Krieg im Internet und hört nicht auf, und der Maschiach kommt nicht. Draußen, von wo es schwül und schwitzig durch das Oberfenster sickert, wütet der Krieg auch. Hier kommt niemand rein, durchs Oberfenster jedenfalls nicht, und ich werde mich hüten, hier etwas anderes aufzumachen als das kleine Oberfenster. Obwohl es wirklich schwül und schwitzig ist, aber draußen ist es nicht anders. Wenn ich zwischendurch vom Krieg im Internet aufstehe, achte ich sehr darauf, so aufzustehen, dass niemand mich von draußen sehen kann - ich wohne im ersten Stock, und falls sich unten jemand auf die Zehen stellt, könnte er meinen Kopf sehen, wenn ich aufstehe und nicht darauf achte, dass niemand ihn sehen kann. Und falls da einer stände und jetzt meinen Kopf gesehen hat, würde er vielleicht versuchen, reinzukommen. Ich habe aber nur eine Gaspistole, und die lässt sich in der Wohnung naturgemäß nicht benutzen. Ja worum geht es denn überhaupt: Um die Nazis aus meiner Straße, um die geht es. Sie lungern immer vor ihrem Naziladen in meiner Straße herum, in dem sie Nazi-Klamotten verkaufen, in meiner Straße, und das tun sie, egal, ob es nun schwül und schwitzig ist oder nicht, und sie tun es in meiner Straße. Aber weil es draußen wirklich sehr schwül und schwitzig ist, lungern sie vor ihrem Laden herum und warten auf mich. Ich gehe immer auf der anderen Straßenseite, es ist meine Straße und ich kann sie nicht benutzen, ich muss wegen der Nazis, die dort lungern, die Straßenseite wechseln, naturgemäß, ja welches Jahr ist denn, 1932?! Heute habe ich wieder eingekauft, denn es ist nicht gut, nicht eingekauft zu haben, bevor der Maschiach vielleicht kommt, und deshalb habe ich eingekauft. Auf dem Hinweg zum Supermarkt gehe ich einfach ganz normal auf der anderen Straßenseite, und da brüllen die Nazis von der anderen Seite: "Israel Völkermordzentrale!!" Ich überlege, ob ich den Kopf drehen soll, drehe ihn dann und rufe zurück, "Idioten". Weitergehen, ganz normal weitergehen, horchen, ob sie zu rennen anfangen, nein, alles ist ruhig. Als ich nach ein paar Minuten mit voller Einkaufstüte zurückkomme, denn man muss ja einkaufen, denn ohne einzukaufen geht es nicht, das ist nicht gut, und als ich naturgemäß wieder auf der anderen Straßenseite gehe, nicht auf meiner Straßenseite gehe, sondern auf der anderen Straßenseite gehe, dabei ist es meine Straße und ich kann nicht auf der Seite gehen, auf der ich gehen will, wegen der Nazis, die da vor ihrem Laden lungern - und als ich ganz normal vorübergehe, brüllen sie von der Seite herüber, "na du [unverständlich]-Jude!!" Ich überlege kurz, ob ich "wie bitte" hinüber fragen soll, denn man will doch wissen, mit welcher Bezeichnung man bezeichnet wird, aber ich gehe einfach nur ganz normal weiter. Hinten wieder zwischen den Autos durch, kurzer Blick nach dort hinten, darauf achten, dass man dort hinten nicht sieht, wohin ich gehe, wie üblich. Ganz sicher bin ich nie, dass sie mich von dort hinten nicht doch gesehen haben.
Deshalb achte ich sehr darauf, dass mein Kopf von unten auf keinen Fall durchs Fenster zu sehen ist, wenn ich vom Krieg im Internet aufstehe, denn wer weiß, wozu die Nazis so alles imstande sind, vielleicht stehen die unten, vielleicht stehen sie da, zumal es wirklich sehr schwül und schwitzig draußen ist, so wie drinnen, auch bei offenem Oberfenster, und wer weiß. Helfen würde mir niemand, denn es hilft einem doch niemand.
5. August 2006, und das ist alles sehr merkwürdig. Es ist so merkwürdig schwül und schwitzig, und ich muss hier raus. Der Bildschirm hat einen Knopf, doch, er hat einen, und es ist einer zum Draufdrücken, und also drücke ich auf den Knopf zum Draufdrücken drauf und das Internet ist weg. Ich ziehe mir irgendwelche Schuhe an, greife mir irgendeinen Schlüssel, küsse die Mesusa und ziehe irgendeine Tür hinter mir zu. Im Treppenhaus ist es dunkel, das will nichts heißen, aber draußen vor der Haustür ist es auch dunkel und der Wind pfeift. Niemand zu sehen. Vorsicht, dass niemand kommt. Ich gehe durch meine Einfahrt und nach rechts, es ist schwül und schwitzig, dunkel und der Wind pfeift und es ist merkwürdig, und das T-Shirt flattert mir im Rücken. Über die Reeperbahn und dann rechts, da ist niemand, nur eine Straßenschneise wie eine Wüste, nun ja, das klingt kitschig, ist aber so, das hab ich mir nicht ausgesucht. Hinter einem Zaun liegen Gräber, der jüdische Friedhof, auf dem seit 130 Jahren keiner mehr begraben wird, ich lehne mit flatterndem T-Shirt am Zaun, dahinter ist es dunkel und da sind die Gräber. Auf einem steht mein Name, ein sefardisches Grab aus dem siebzehnten Jahrhundert, es ist im Dunkeln nur ein Umriss, so ein dunkler länglicher vor noch Dunklerem, und meinen Namen sehe ich natürlich nicht, aber ich weiß ja, dass er dasteht, und eigentlich wollte ich nicht hierher, sondern zur Elbe. Ich gehe die Schneise einfach weiter geradeaus, dann links, durch finstere Bäume, dann rechts, geradeaus, und da ist sie, die Elbe. Albis hieß sie auf lateinisch, also die Weiße, aber die Lateiner müssen sich geirrt haben, denn die Elbe ist einfach nur finster und sieht merkwürdig nass aus. Hier ist niemand, seitdem ich aus der Tür ging ist niemand da, es ist dunkel, es ist schwül und schwitzig und der Wind pfeift, alles sehr merkwürdig. Das Ufer zwischen Altona und Övelgönne war sonst immer eine Brache, da war gar nichts, da konnte man gehen, wohin man wollte, so über die Brache hin, aber jetzt geht das nicht mehr. Denn da steht jetzt ein komischer Klotz am anderen, so ein dicker und riesiger Bürohäuser-Klotz am anderen mit viel dunklem Glas, riesig. Überall ist damit alles vollgestellt. Sehr merkwürdig. Besonders diese dreißig Meter breiten Treppenfluchten zwischen den Klötzen, da steht ein Klotz und dann eine Treppenflucht und wieder ein Klotz und wieder eine Treppenflucht und damit ist das ganze Ufer vollgestellt, überall, die Brachen sind weg und man kann nirgendwo hin, und es ist äußerst merkwürdig, dass diese ganzen Treppenfluchten nirgendwo hinführen, nur zwischen den Klötzen führen sie durch, und wenn man dort durchgegangen ist, liegt da nichts als die Rückseite der Klötze, die genauso voll mit dunklem Glas ist, riesig, und weiter ist da nichts, und man kann nur wieder die Treppenflucht oder eine andere hinuntergehen, denn woanders geht es hier nicht hin. Und man braucht ewig, bis man eine Treppenflucht nach oben und hinter dem Klotz oder einem anderen vorbei und die nächste Treppenflucht oder eine andere hinunter gegangen ist, denn das ist alles riesig und alles ist hier vollgestellt damit, und man kann hier nicht mal etwas einkaufen. Es sieht übrigens ganz genauso aus wie dieses Modell, Elbuferplanung heißt das Modell, diese Nazi-Elbuferplanung des Nazi-Architekten Konstanty Gutschow von 1938, der sich so extravagant mit Ypsilon geschrieben hat und der hier so widerwärtige Klötze hinbauen wollte. Diese Elbuferplanung ist hier, ich gehe ja dort hinauf und hinunter und herum, das sind diese Treppenfluchten und diese Klötze aus dem Modell, aber es ist 2006, nicht 1938, und es ist kein Modell, sondern es ist hier alles damit vollgestellt und hingebaut. Die Elbuferplanung von 1938 war eine gigantischen Retorte wie alles, und diese Treppenfluchten und Klötze, auf denen ich hinauf- und hinunter- und herumgehe, sind die selbe gigantische Retorte, aber sie ist kein Modell, sondern sie ist hier hingebaut, und man kommt hier nirgendwo hin. Einer hat hier 2006 Konstanty Gutschows Elbuferplanung von 1938 hingebaut, ob nun mit Ypsilon oder ohne. Im Stil von 2006. Es ist dunkel, der Wind pfeift, es ist schwül und schwitzig und es ist seit drei Stunden lang kein Mensch zu sehen, und hier ist alles vollgestellt mit Klötzen und Treppenfluchten und Klötzen und Treppenfluchten wie auf dem Modell von 1938, dabei ist 2006, und man kann nirgendwo hingehen und es ist schwül und dunkel und der Wind pfeift, und es wird immer merkwürdiger. Und dann gehe ich so an dem einzigen alten Gebäude entlang, das da übrig ist und das ich noch kenne, Backstein und richtige Fenster dran, es ist von 1802, das steht über der Tür, und als ich gerade den Eindruck habe, dass man hier hingehen könnte, sehe ich an der Schmalseite etwas hängen, da hängt etwas und es ist ganz fürchterlich, ein Bild so hoch wie die Wand, ein Frauengesicht in Schwarzweiß und daneben steht in riesigen Sütterlin-Lettern ein Gedicht von Lucille Eichgreen, ganz fürchterlich, über Frauen ohne Haare, weil sie ihnen in Auschwitz abgeschnitten worden sind, ein Gedicht über Berge von Haaren, und Lucille Eichgreen ist von dort zusammen mit fünfhundert anderen Frauen aus einem Außenlager gleich auf der anderen Elbseite 1944 nach Auschwitz deportiert worden, wo man sie alle umgebracht hat, so steht es auf einer kleinen gedruckten Tafel neben den riesigen fürchterlich hingepinselten Sütterlin-Lettern. Das wusste ich alles überhaupt nicht. Und dieses Ding an der Wand - das soll Kunst sein. Kunst. Irgendeine beschissene Scheiß-Künstlergruppe hat daraus ein beschissenes Kunstwerk gemacht, das Wort lässt sich ja gar nicht denken oder hinschreiben, Kunst soll das sein, und außen drum ist so zerfurchtes Eisenblech ganz künstlerisch aufgebogen, Eisenblech so existenzialistisch hingebogen halt, damit es wie Kunst aussieht und damit es Kunst ist, denn für Auschwitz-Kunst, was man als Wort weder denken noch hinschreiben kann, muss zerfurchtes Eisenblech ganz künstlerisch existenzialistisch aufgebogen werden, und Lucille Eichgreens Gesicht ist in dem zerfurcht aufgebogenen künstlerischen Eisenblech ganz, ganz künstlerisch von einem schwarzweiß-Foto in dramatischem Schwarzweiß überlebensgroß und fürchterlich an die Wand abgepinselt worden, in Schwarzweiß, Denkmalskunst, nachdem Lucille Eichgreen 1944 elend umgebracht worden ist, ohne dass sich einer dafür einen Moment lang geschämt hat, damals nicht und heute nicht, sagenhaft zerfurcht aufgebogene Kunst und eine Widerlichkeit sondergleichen, für die sich keiner schämt, und dass diese Monster da draus noch Kunst machen, Auschwitz-Kunst, ein Wort, das man gar nicht denken oder hinschreiben kann, weil es zu obszön ist, und sicher hat sie der Staat dafür bezahlt und sie haben dafür Preise bekommen, und Pressefotografen waren auch dabei und haben feine fürchterliche Bilder für die feinen fürchterlichen Künstlermappen der Künstler gemacht. In was für einer fürchterlich beschissenen Scheißwelt lebt man eigentlich? Selber Schuld, nicht eingekauft zu haben, obwohl es ohne eingekauft zu haben eigentlich nicht geht. Und es wird Zeit für Rosch haSchana, denn danach kann man eine andere Jahreszahl schreiben, und vielleicht hilft das irgendwie. Kol tuv, Robert C.
PS. Der Maschiach kommt nicht, der Maschiach ruft nicht mal an. |